Echte Geschichten von echten Menschen
Bei «Menschen wie wir» glauben wir an die Kraft der Geschichten. Hier teilen wir die wahren Erlebnisse und Rückmeldungen unserer Leser, die uns inspirieren und zeigen, wie unsere Inhalte im Alltag wirken. Tauchen Sie ein in die vielfältigen Perspektiven unserer Gemeinschaft.
Im Jahr 2009 bin ich in die Schweiz gekommen, auf der Suche nach einer besseren Zukunft für meine Familie und mit dem Traum, eines Tages ein eigenes Zuhause zu haben. In diesem Quartier habe ich meine Kinder grossgezogen.
In all diesen Jahren ist hier mehr als nur eine Wohnadresse entstanden – es ist eine echte Gemeinschaft gewachsen. Unsere Nachbarn kommen aus verschiedenen Ländern, und trotzdem – oder gerade deshalb – haben wir immer respektvoll und freundschaftlich zusammengelebt. An schönen Sonnentagen haben wir gemeinsam gegrillt, miteinander gelacht und uns gegenseitig unterstützt.
Inzwischen sind 18 Jahre vergangen. 18 wertvolle Jahre voller Erinnerungen. Unsere Kinder sind mit den Kindern der Nachbarn aufgewachsen. Sie haben zusammen gespielt, zusammen die Schule besucht und ihre Lehre gemacht. Viele Nachbarn sind für uns wie Familie geworden.
Die angekündigte Totalsanierung erfüllt uns mit grosser Sorge. Ein Wegzug aus dem Quartier war nie unser Plan. Dieses Zuhause bedeutet uns sehr viel – nicht nur als Wohnung, sondern als Lebensmittelpunkt und Ort der Zugehörigkeit.
Wir haben Verständnis dafür, dass Renovationen notwendig sind. Dennoch bitten wir Sie von Herzen, uns die Möglichkeit zu geben, nach der Renovation wieder in unsere Wohnung bzw. ins Quartier zurückzukehren. Die Wohnung ist vielleicht nicht neu, aber sie ist unser Zuhause – und vor allem war sie für uns stets bezahlbar.
Wir wünschen uns nichts sehnlicher, als weiterhin Teil dieser Gemeinschaft zu bleiben und hier leben zu dürfen.
Für Ihr Verständnis und eine wohlwollende Prüfung unseres Anliegens danken wir Ihnen im Voraus.
Aurora Dias
Meine Grosseltern leben seit 1986 an der Hardstrasse. 13 Jahre später, 1999, wurde ich geboren und bin hier aufgewachsen. Dieser Ort ist für mich nicht einfach eine Adresse. Es ist ein Stück Kindheit. Ein Stück Zuhause.
Ich verbinde unzählige schöne Erinnerungen mit diesem Wohnort. In der damaligen Backstube meines Grossvaters durfte ich mit meiner Primarklasse Guetzli backen. Voller Stolz zeigte ich allen, wo mein Opa arbeitet. Im kleinen Lebensmittelladen meiner Grossmutter standen wir Kinder lachend zwischen den Regalen, naschten Süssigkeiten und plauderten mit den Nachbarn, die einkaufen kamen. Es war ein Ort voller Leben, voller Begegnungen, voller Wärme.
Und dann die vielen Stunden in der Wohnung meiner Grosseltern. Gemeinsame Sonntage, Geburtstage und vor allem Weihnachten. Dieses vertraute, gemütliche Zuhause, das für mich immer Geborgenheit bedeutete.
Meine Grosseltern lieben es, in der Stadt zu wohnen. Sie kennen es nicht anders. Ihr ganzes Leben spielt sich hier ab. Ihre Wege, ihre Gewohnheiten, ihre Erinnerungen. Die Geräusche der Stadt, die vertrauten Gesichter, die Nachbarschaft. Für sie bedeutet diese Wohnung nicht nur vier Wände, sondern ihr Lebensmittelpunkt. Eine andere Wohnung könnte niemals dieselbe Bedeutung tragen.
Genau deshalb habe ich die Wohnung letztes Jahr als Untermieterin übernommen mit einem klaren Gedanken im Herzen: Dass meine Grosseltern jederzeit in die Schweiz zurückkehren können. Dass sie hier weiterhin ein Zuhause haben. Einen Ort, an dem sie ankommen, bleiben und Zeit mit ihrer Familie verbringen können.
Gemeinsam mit meinem Partner habe ich Böden erneuert, Wände gestrichen, neue Möbel und Dekoration ausgesucht. Wir wollten sie bei ihrer Rückkehr überraschen. Ihnen zeigen: Euer Zuhause lebt weiter. Es ist noch da. Es wartet auf euch.
Und nun diese Nachricht.
Die geplante Totalsanierung bedeutet für meine Grosseltern nicht nur ein Umzug. Es bedeutet Abschied. In ihrem Alter noch einmal das Zuhause zu verlieren, das sie seit 40 Jahren geprägt hat, ist kaum in Worte zu fassen. Uns ist klar, dass eine Rückkehr für sie nicht mehr möglich sein wird. Die Mieten in Zürich werden für sie nicht bezahlbar sein.
Das heisst, sie müssen ihren Wohnsitz endgültig ins Ausland verlegen. Sie verlieren nicht nur eine Wohnung. Sie verlieren ihre Stadt. Und wir verlieren ein Stück unserer gemeinsamen Geschichte.
Was hier verschwindet, ist nicht einfach Wohnraum. Es ist Familie. Erinnerung. Verwurzelung. Ein Zuhause.
Eine Stadt besteht nicht nur aus Gebäuden und Renditen. Sie besteht aus Menschen, aus Geschichten, aus Generationen, die ihr Leben hier aufgebaut haben. Wenn ältere Menschen nach Jahrzehnten ihr Zuhause verlieren, verlieren sie mehr als nur vier Wände. Sie verlieren Sicherheit, Alltag, Identität.
Wir wünschen uns, dass hinter jeder Sanierung auch die Menschen gesehen werden, die dort leben. Dass langjährige Bewohner nicht einfach verdrängt werden, sondern Lösungen gefunden werden, die ihnen ein würdiges Bleiben ermöglichen.
Für meine Grosseltern ist diese Wohnung nicht ersetzbar. Und für uns als Familie auch nicht.
Wir hoffen, dass unsere Geschichte gehört wird.
Vanessa
68 Treppenstufen sind es bis zu unserem Zuhause.
Als ich nach meiner Ausbildung mit 26 hier in mein WG-Zimmer zog und meinen ersten Job in der Schweiz anfing, wirkte das Leben sehr sorglos. Wir schmissen viele Partys, verbrachten lange Nächte in der Küche und freuten uns riesig, als irgendwann auch der Balkon dazukam.
Im Sommer könnte man meinen, man sei in einem fernen Land: all diese Stimmen im sonnigen Innenhof – die lauten und die leisen.
Und auch im Treppenhaus: Manchmal verstand ich kein Wort und spürte doch immer die Herzlichkeit.
Sonntags holten wir uns Pastéis de Nata, die von den portugiesischen Bäckern aus dem Wagen vor unserer Haustür verkauft wurden.
Im Homeoffice kaufe ich mir oft das Mittagsmenü bei Radja – in der Hard Corner, die bisher sogar den neuen avec überlebt hat.
Das Quartier verändert sich, Jahre vergehen. Aus der Kirche wird das Parlament. Und mit jedem Verwaltungswechsel fragen wir uns: Sollen wir jetzt schon etwas Neues suchen?
Nein, wir wollen bleiben.
Wir werden Eltern. Neues Leben entsteht, und ein noch einmal ganz neues Gefühl breitet sich in unserem Zuhause aus. Die 68 Treppenstufen fordern mich mit Kind und Einkauf manchmal ganz schön heraus. Wir entdecken die Spielplätze im Quartier und treffen immer mehr bekannte Gesichter.
Währenddessen macht der Geometer in unserem Haus erste Aufnahmen.
Und dann plötzlich: Anfang Februar 2026 klingelt der Postbote. Im Treppenhaus herrscht grosse Unruhe. Einschreiben für alle – sogar für unser Kind!
Da sind sie, die Worte: Kündigung wegen Totalsanierung.
Ja, es ist wahr. Schwarz auf weiss. Wir müssen gehen.
Ich fühle mich ohnmächtig und voller Gräuel.
Was ist Zuhause? Zürich? Die Schweiz?
Plötzlich scheint das Leben Kopf zu stehen. Wir müssen ein neues Zuhause finden. Und bald werde ich die Treppenstufen zum letzten Mal hinuntergehen.
Kerstin
I moved to Switzerland in 2023 from Portugal.
It was not an easy decision, but it was one made out of love.
My girlfriend has a very close connection to her family, and her life is here. So for us, it was clear that I would be the one to take this step. Leaving behind my home country, my comfort zone, and everything familiar was one of the hardest things I’ve ever done.
Starting over in a new country is never simple.
A new language, a new culture, a new life. It takes time to adjust, and even more time to feel like you truly belong.
At first, we moved into a small apartment outside of Zurich. It was a place to live, but it never really felt like home.
Two years ago, we moved to Hardstrasse.
This place already meant a lot to my girlfriend. She grew up here and spent a big part of her childhood in this apartment. That made it special from the beginning.
We renovated the apartment ourselves, investing not only a lot of time but also a significant amount of money, which was not easy for me. But it was worth it. Step by step, it became our place and started to mean a lot to me as well.
And for the first time since I moved to Switzerland, I can honestly say that I feel at home.
What also helped me feel at home was the community in the neighborhood. There are many people here who speak Portuguese and who, like me, came here to build a life. It created a sense of connection and understanding that is hard to describe.
Even small things made it feel more like home for example, the baker who comes here on Sundays to sell Portuguese specialties before the Portuguese mass. Moments like that made a foreign place feel familiar.
We truly believed we had found the place where we would stay.
We were even at a point in our lives where we wanted to start planning a family.
And then came the termination.
Now we are left with sadness and so many unanswered questions.
Will we be able to find another apartment that we can afford?
Will we ever feel this sense of home again?
Or will I be forced to return to my home country?
Does it even make sense to continue planning a family under these circumstances?
What makes this even harder is that we are not the only ones affected.
Members of my girlfriend’s family are also facing the same situation. This building is filled with memories for them, and losing it means losing a part of their history.
Over time, her family has become my family. Their loss feels like my own, and seeing how deeply this affects them makes the situation even more painful.
But beyond our own story, there are many other people and families going through the same uncertainty, the same fear, and the same loss. Each of them has their own story, their own memories, and their own lives built in this neighborhood.
Seeing how deeply this affects not just us, but an entire community makes the situation even more painful.
Right now, everything feels uncertain.
What hurts the most is not just losing a place to live it’s losing the feeling of stability, of belonging, of finally having arrived, just when we thought we were ready to build our future here.
We are sharing our story not only for ourselves, but for everyone affected. We hope it helps others understand that behind every termination, there are real people, real lives, and real futures at stake. We hope for more awareness, more fairness, and more humanity in decisions that impact so many lives.
Tiago
"Was bei einer Leerkündigung nicht beachtet wird, sind die Menschen, die in den betroffenen Wohnungen leben. Anstatt die Wohnungen Stück für Stück zu renovieren, werden hier viele Familien und ältere Leute aus ihrem Zuhause geworfen. Sie verlieren ihre Freunde und Kontakte aus der Nachbarschaft, schlimmstenfalls müssen Kinder die Schule wechseln. Eine bezahlbare Wohnung in Zürich zu finden ist extrem schwierig und ein Quartier- oder gar Stadtwechsel kann für viele Menschen sehr einschneidend sein und zu Einsamkeit führen. Die Inhaber und die Verwaltung sehen einzig das Geld, das sie mit den neuen, erhöhten Mieten einnehmen werden. Das darf nicht sein!"
Valentina
Liebe Leserinnen,
ich schreib dies, um zu berichten, wie traurig unsere Lage wirklich ist.
Ich bin im Jahr 2004 an die Eichbühlstrasse 14 gezogen, um meinen zwei Töchtern eine kinderfreundliche und zentrale Lage zu bieten.
Nach 22 Jahren sieht unsere Familie schon anders aus: Ich habe noch zwei Kinder bekommen und was einst nur eine Wohnung mit einer guten Umgebung war, ist nun unser Rückzugsort und Zuhause - voller Erinnerungen und Wohlgefühl.
Ich kam an und wurde akzeptiert, verstanden und nicht diskriminiert für meine Herkunft, meine Art und meine Kinder. Nach so vielen gemeinsamen Festtagen, ersten Schritten, ersten Schultagen und dem Willkommen neuer Familienmitglieder ist es ein riesiger Schock für uns, dass man nun möchte, dass wir einfach so gehen sollen - und wofür? Damit die Mietpreise erhöht werden könne ohne Rücksicht auf uns Mieter zu nehmen.
Es ist einfach nur traurig und unverschämt.
Von der Bäckerstochter zur Zeitzeugin: Wenn ein halbes Jahrhundert Nachbarschaft weichen muss
„Man nennt mich hier im Quartier immer noch die Bäckerstochter.“
Wenn ich an die Hardstrasse 90 denke, rieche ich frisches Brot. 1986 sind wir hier eingezogen, als mein Vater die Bäckerei von der Familie Berger übernahm. Es war eine Ära des Miteinanders: Schulkinder durften in der Backstube ihr eigenes Brot backen und holten sich ihre Pausensnacks im Quartierlädeli. Gegenüber, an der Hardstrasse 89, führten Hans und Margrit Blümer das Milchlädeli bis 1999. Als sie aufhörten, übernahmen meine Eltern den Laden und nannten ihn «La Palmita» – heute bekannt als Hardcorner, für mich aber für immer ein Teil unserer Familiengeschichte.
Mein Fitnessprogramm: 42-mal die Treppen hoch und runter
Als mein Vater die Bäckerei schliessen musste – ein neuer Backofen wäre zu teuer gewesen –, wurde er Hauswart für die damals noch 21 Häuser der Siedlung. Ich half ihm dabei. Die Reinigung war mein Fitnessprogramm: Jede Woche rannte ich 42-mal die Treppen hoch und wieder runter. Ich kannte jede Stufe, jedes Geländer. Damals sorgte man sich um die Häuser; die Siedlung Sonnenheim war ein gepflegtes Daheim für Arbeiterfamilien.
Heute leben noch ein paar Rentner in den Wohnungen, die früher für die Sonnenheim gearbeitet haben: mein Vater (der ehemalige Hauswart) sowie der Maler, der früher die Wohnungen der Siedlung gestrichen hat. Er bangt heute um sein Zuhause und müsste im schlimmsten Fall nach Italien zurückkehren, wobei er seine Tochter und Enkel hier zurücklassen müsste.
Der gezielte Stillstand
Heute, 25 Jahre später, bin ich das erste Mal wieder alle Treppen bis ganz nach oben gelaufen. Der Anblick ist traurig. Es wird nicht einmal mehr in einen Eimer Farbe investiert. An einer Wand prangt ein riesiges FCZ-Graffiti – man sagte mir, das sei schon seit zwei Jahren dort. Früher wäre so etwas sofort entfernt worden. Heute lässt man es stehen, als wollte man den Zerfall absichtlich sichtbar machen.
Das Rätsel der 21 Häuser
Das Unfassbare: Die Siedlung Sonnenheim besteht aus 21 Häusern, die baulich identisch sind. Doch nur 16 davon gehören unserem Eigentümer – und genau diese werden nun leergekündigt, weil sie angeblich „desolat“ seien. Die anderen fünf Häuser wurden von anderen Eigentümern sanft renoviert; die Mieter dort dürfen bleiben.
Die Wahrheit ist: Es ist nicht die Bausubstanz der 50er-Jahre, die versagt hat. Es ist der Unterhalt, der gestoppt wurde, um uns heute die Leerkündigung als alternativlos zu verkaufen.
Sonja
Ihre Geschichte zählt auch!
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